Gedicht der Woche, Woche 41: Cecilie Løveid "Die Schriftgiesserin"

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Lassen Sie sich, mit 52 Gedichten, wöchentlich mitnehmen auf eine Reise, die Ihnen im Gastlandjahr 2019 die Poesie aus Norwegen näherbringt.

DIE SCHRIFTGIESSERIN Einst konnten wir alle Zeichen deuten. Das war kein Traum, ähnelte aber einem. Wir waren Schwarzkünstler, wir konnten die Hand deuten, die eine Positur einnahm, das Wort, das saß. Wir wussten, was es bedeutet, mit der Linken einzuschenken. Was alles bedeutete. Was niemand mehr weiß. Die schönsten Perlen hatten wir um den Hals. Das Gedächtnis des Wassers war in uns. Alles, auch was uns Tränen eingab oder Lust zum Küssen oder dazu, in eine Telefonzelle zu ziehen. Dann wurde es für mich undeutlicher. Die Seele musste die Straße entlanggeführt werden während ich alle bat zu sagen, wer sie sind denn ich konnte sie nicht sehen, und ich wollte doch nicht arrogant wirken. Während ich zum Licht erwachte. Die Welt war immer noch voller Zeichen und Nachrichten. Tränen, Finger, Hüte, Hände standen da und erwarteten mich. Da machte ich Schluss mit Spielkarten, Almanachen und religiösen Bildern. Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel
SKRIFTSTØPERSKEN En gang kunne vi tyde alle tegn. Det var ingen drøm men det lignet. Vi var sortekunstnere, vi kunne tyde hånden som beveget seg til en positur, ordet som satt. Vi visste hva det betyr å skjenke med venstre hånd. Hva alt betydde. Hva ingen vet lenger. De skjønneste perler hadde vi om halsen. Vannets hukommelse var i oss. Alt, også det som ga oss tårer og lyst til å kysse eller flytte inn i en telefonkiosk. Så ble det mer utydelig for meg. Sjelen måtte leies nedover veien mens jeg ba alle om å si hvem de var for jeg kunne ikke se dem, og ville nødig virke arrogant. Men jeg våknet til lys. Verden var fortsatt full av tegn og beskjeder. Tårer, rever, bjeller, hender sto og ventet på meg. Da sluttet jeg med spillkort, almanakker og religiøse bilder.

Aus Cecilie Løveid (1951), Gartnerløs, Kolon Forlag, Oslo 2007.

Gedicht der Woche. 52 Gedichte durch das Jahr

Seit den ersten Niederzeichnungen mit Felszeichnung und Runeninschrift, genießt die Dichtung und die Poesie eine starke Stellung in Norwegen. Durch die wöchentliche Präsentation eines Gedichts im Jahr 2019, möchten wir die Qualität und Vielfältigkeit der norwegischen Poesie beleuchten. "Gedicht der Woche" stellt 52 Gedichte vor, die vom Jahresablauf und den wechselnden Jahreszeiten inspiriert sind. Die Auswahl ist von Annette Vonberg und Tone Carlsen getroffen worden und umfasst Lyrik von den ersten Handschriften bis hin zu zeitgenössischer Poesie.

Gedicht der Woche