Ein Buch über Hormone (und anderes ...)

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Interview
Geschrieben von Nora Steenberg, BOK365

„Das Ganze war ein Abenteuer. In meinen kühnsten Träumen hätte ich nie geglaubt, ein Buch über dieses Thema herausgeben zu können“, sagt die Autorin Anita Kåss.

Anita Kåss, Foto: Nora Steenberg

Die Wissenschaftlerin Anita Kåss hat getan, wovon viele träumen: Mehr über eines der größten medizinischen Rätsel herauszufinden. Jetzt erscheint ihre Lebensgeschichte Mamma er en gåte ("Mama war ein Rätsel", noch nicht auf Deutsch erschienen), die sie in Zusammenarbeit mit dem Journalisten Jørgen Jelstad geschrieben hat, beim Osloer Verlag Cappelen Damm.

„Ich wünschte mir ein Buch, in dem Wissenschaft mit meiner eigenen Geschichte verflochten ist, ein Buch, das von Kindheit an forscht. Es wurde fast eine Art Detektivgeschichte, in der sich die Puzzleteile der Forschung am Ende zusammenfügen, und eine neue Art der Behandlung zu beschreiben. Die Geschichte wird spannender, wenn man eine echte, persönliche Geschichte einflechtet.“

Es begann in der Kindheit

Kåss‘ Geschichte beginnt mit ihrer Kindheit in Liverpool, stand im Schatten des Todes ihrer Mutter, die früh an Rheumatismus verstarb.

„Meine Mutter war während meiner ganzen Kindheit krank, und ich wurde stark dadurch geprägt, dass ich mich Tag für Tag um sie kümmern musste. Deshalb fühlte ich mich bei ihrer Beerdigung sehr unwohl, weil ich eigentlich nur erleichtert war, dass sie endlich erlöst worden war. Es fiel mir schwer, mit Leuten zusammen zu sein, die traurig waren. Also nahm ich ein Lexikon aus dem Regal und schlug Arthrose und Rheumatismus nach. Ich habe noch nie darüber gesprochen, aber ich glaube, ich wollte auf diese Art versuchen, ihr näher zu kommen.“

Ihre Berufswahl war einfach: Sie würde sich weiterhin mit Rheumatismus und anderen Autoimmunerkrankungen beschäftigen. Im Medizinstudium lernte sie auch ihren zukünftigen Mann kennen.

„Er war praktisch mein Tutor im Studium. Wir bekamen eine kleine Tochter und beschlossen, nach Norwegen zu ziehen“, erzählt Kåss. Da ihr Mann aus Porsgrunn stammt, führte Kåss’ Weg ins Betanien-Hospital, wo sie mit ihrer Doktorarbeit begann.

Sie durchbrach vorgebebene Denkschemata

„Autoimmunkrankheiten sind eine Gruppe von Krankheiten, bei denen das Immunsystem, das normalerweise Bakterien und Viren bekämpft, falsch reagiert und den Körper angreift.

Es gibt über hundert unterschiedliche Autoimmunerkrankungen, wie zum Beispiel Schuppenflechte und Multiple Sklerose. Mehr als 5 % der Weltbevölkerung leider unter einer Autoimmunerkrankung, und die Zahl der Erkrankungen steigt. Bevor Kåss ihre bahnbrechende Forschung entwickelte, hatten relativ wenige Ärzte die wichtige Rolle der Geschlechtshormone bei diesen Erkrankungen erforscht.

„Auf diesem Gebiet wurde unter anderem deshalb so wenig geforscht, da vor allem Frauen im mittleren Alter unter Autoimmunerkrankungen leiden. Aber wir wussten, dass der Zustand von Frauen, die unter diesen Krankheiten leiden, sich oft verbessert, wenn sie schwanger werden. Oder dass sie erkranken, nachdem sie ein Kind geboren haben. Diese Beobachtungen brachten mich zu der Frage, ob Hormone bei der Krankheit eine wichtige Rolle spielen könnten.

Natürlich waren auch andere auf diesen Umstand aufmerksam geworden, doch nach der revolutionären Entdeckung des Kortisons stagnierte die Forschung über den Zusammenhang zwischen Hormonen und Autoimmunerkrankungen.

Ein unattraktives Forschungsgebiet

„Auf dem Hormon-Gebiet hatte sich nach der Entdeckung des Kortisons nichts Aufsehenerregendes getan. Das Forschungsgebiet war nicht ‚sexy‘, aber mir erschien es wichtig, es näher zu untersuchen. Viele fanden mich altmodisch, weil es andere Dinge zu erforschen gab, die ‚heißer‘ waren.“

Kåss verfolgte eine Spur, an die wenige andere Wissenschaftler glaubten, doch ihr Kampf führte zur Entdeckung eines Medikaments, das Geschlechtshormone hemmt und dadurch rheumatischen Erkrankungen entgegenwirken kann.

„Seltsamerweise gab es niemanden, der das schon mal gemacht hatte, und wir fanden heraus, dass die Hormone, die den größten Einfluss hatten, die Geschlechtshormone waren. Das war ganz offensichtlich, als wir es untersuchten. Es sind die Hormone, deren Zahl sich während der Schwangerschaft verringert, und nach einer Geburt oder in den Wechseljahren ansteigt. Das passte perfekt zusammen – und da kam der Stein ins Rollen.“

Anita war 25, als sie diese Entdeckung machte, und ihr Chef bat sie, sich mit ihren Forschungsunterlagen für einen internationalen Kongress zu bewerben. Unter Hunderten von Bewerbern war Anita eine von fünfzehn, die zum Kongress eingeladen wurden.

„Ich war außer mir vor Freude. Ich war ja noch nie auf einem Kongress gewesen und durfte gleich zum größten Rheumatologie-Kongress der Welt fahren. Das gab mir einen Kick, meine Forschungen mit GNRH-Hemmern fortzusetzen und eine klinische Studie zu beginnen.“

Die Studie bestand aus 104 Patientenfällen und das Resultat war vielversprechend, da der Zustand derer, die GNRH-Hemmer erhielten, sich ohne nennenswerte Nebenwirkungen verbesserte.

„Es war eine unglaubliche Reise“, sagt Kåss über die dreißig Jahre, die seit ihrer Entdeckung vergangen sind.

Die Idee wurde für 800 Millionen Kronen verkauft

Nach der Entdeckung begannen Verhandlungen mit großen internationalen Arzneimittelkonzernen um die Lizenzrechte. Der Vertrag mit einem japanischen Konzern war schwindelerregende 800 Millionen norwegische Kronen (ca. 82 Millionen Euro) wert. Doch das brachte Kåss nicht aus der Fassung:

„Als Wissenschaftler versucht man, bei solchen Dingen einen kühlen Kopf zu bewahren. Mir war es am wichtigsten, eine Vereinbarung zu erzielen, die die Studie am Leben erhielt, um den Patienten vielleicht eines Tages ein Medikament verschreiben zu können.“

Auch die Tatsache, dass sie dazu beitrug, die Lebensqualität Hunderter von Patienten verbessert zu haben, spielt sie herunter.

„Ich will nicht so viel Wirbel darum machen. Es ist gefährlich, sich zu viel einzubilden, und ich muss mich in dieser Sache vorsichtig und objektiv verhalten. Bis heute bin ich sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, daran zu glauben, dass es Leuten besser geht. Ein typisches Gespräch mit meinen Patienten endet oft damit, dass sie mir sagen: ‚Aber Anita, Sie müssen mir glauben. Es geht mir wirklich besser!‘“, erzählt Kåss und lächelt.

Wie ein Krimi

„Ich will, dass die LeserInnen meine Leidenschaft für die Wissenschaft verstehen; warum ich manchmal mitten in der Nacht aufstehe, um zu arbeiten, weil meine Arbeit so spannend ist“, sagt Kåss über das Buch.

Mamma er en gåte ist eine populärwissenschaftliche Reise durch das Immunsystem – doch Kåss hofft, mit dem Buch mehr zu erreichen, als über Autoimmunerkrankungen aufzuklären.

„Ich hoffe, dass das Buch andere inspirieren kann, ihren Träumen zu folgen. Für mich war es ein Abenteuer, und ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass daraus jemals ein Buch entstehen würde. Ein Buch, von dem ich mir wünsche, dass es lehrreich ist. Das auf verständliche Weise erklärt, wie das Immunsystem funktioniert, wie es Bakterien und Viren bekämpft, aber gleichzeitig durch einen Irrtum den eigenen Körper angreifen kann. Ich hoffe, es ist uns gelungen, die Geschichte wie einen Kriminalroman zu vermitteln. Die Lesenden wissen nicht genau, wie die Geschichte enden wird, und unterwegs tauchen neue Spuren auf. Das macht das Buch unterhaltsam, denke ich.“

Aus dem Norwegischen von Inge Wehrmann

Für mehr Information

Cappelen Damm: Mamma er en gåte

Cappelen Damm Agency: Anita Kåss

Books from Norway: Anita Kåss

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