Samische Literatur

Samische Literatur ist neu und alt zugleich. Im Jahr 2019 findet das 400. Jubiläum einer samischen Erstveröffentlichung statt. Im schwedischen Piteå wurde damals ein Abecedarium veröffentlicht, und zwar in zwei der eher selten benutzten von insgesamt zehn samischen Sprachen, nämlich dem Pitesamisch und dem Umesamisch bzw. einer Mischung aus beiden. Nordsamisch hat die meisten Sprecher, und etwa drei Viertel aller Veröffentlichungen samischer Literatur erfolgen in eben dieser Sprache.

Samische Literatur ist national, sie ist nordisch und dabei in ihren Wesenszügen auch international, da die Grenzen zwischen Norwegen, Schweden und Finnland keine größere Hürde für eine grenzübergreifende samische Kooperation darstellen. Deshalb ist es durchaus üblich, dass norwegische Verlagshäuser, die samische Literatur veröffentlichen, auch Bücher von Sámi aus anderen Ländern herausbringen. In der Tat wurden auch einige samische Kinderbücher russischer Autoren in Norwegen veröffentlicht, bevor Russland die Zusammenarbeit mit anderen Staaten einschränkte. Da die Sámi ein indigenes Volk sind, gibt es auch ein natürliches globales Interesse an ihrer Literatur als Teil der indigenen Weltliteratur, was die Bedeutung der Übersetzung aus dem Samischen in eine Vielzahl von Weltsprachen unterstreicht. Im Moment gibt es relativ wenige Übersetzungen samischer Literatur und nur einige wenige Anthologien. Bis zur Frankfurter Buchmesse 2019 werden neue Anthologien samischer Prosa und Dichtung auf Deutsch und Englisch erhältlich sein.

Nils-Aslak Valkepää, Foto: Seppo Paakkunainen
Johan Turi

Die drei wichtigsten Bücher von Nils-Aslak Valkeapää (1943–2001), dem Gewinner des Literaturpreises des Nordischen Rates von 1991, gibt es auch auf Englisch: Trekways of the Wind (dt.: Die Wege des Windes), The Sun, My Father(dt.: Mein Vater, die Sonne) sowie The Earth, My Mother (dt.: Meine Mutter, die Erde). Trekways wurde auch auf Französisch veröffentlicht, und die deutschen Übersetzungen von Trekways und von The Sun sind in Vorbereitung. Das erste Buch eines samischen Autors – Muitalus sámiid birra (1910) von Johan Turi– wurde vor Kurzem auf Englisch veröffentlicht, unter dem Titel An Account of the Sámi (dt.: Eine Darstellung der Sami) (2011). Sowohl Valkeapää als auch Turi interessierten sich für samische Traditionen und benutzten samische Ausdrucksformen auf eine neue, innovative Weise: Valkeapää in seiner durch den Jojk, einen traditionellen samischen Gesang, sowie durch die Moderne und die indigene Ästhetik inspirierten Poesie und Turi in seinen folkloristischen Essays, einer Gratwanderung zwischen mündlicher Erzählkunst und literarischer Darstellung.

Máret Ánne Sara, Foto: Matti Aikio

Von diesen Texten abgesehen wurde bisher sehr wenig samische Literatur übersetzt, weshalb sie die Weltöffentlichkeit kaum erreicht – im Gegensatz zur samischen Musik und Kunst, die seit einigen Jahrzehnten sehr erfolgreich sind. Máret Ánne Sara (1983) ist eine der neuen multimedial erfolgreichen Stimmen aus Sápmi, der von den Sámi bewohnten Region. Ihr Debüt, der Jugendroman Ilmmiid gaskkas (dt.: Zwischen den Welten) von 2013, wurde im Jahr 2014 für den Kinder- und Jugendliteraturpreis des Nordischen Rates nominiert. Es ist der erste Band einer Trilogie über den Konflikt zwischen der samischen Rentierhaltung bzw. den traditionellen samischen Ansichten und dem wachsenden Bedarf der breiteren Gesellschaft an Land, darunter auch an traditionellen Weiden, für verschiedene Entwicklungszwecke. Máret Ánne Sara hat sich auch einen Namen als bildende Künstlerin gemacht: Ihre Skulptur Pile o’ Sápmi war auf mehreren internationalen Ausstellungen zu sehen, darunter auf der documenta 14.

Eine weitere nennenswerte samische Trilogie, obwohl in ihrer Gesamtheit noch in keine Sprache übersetzt, ist Jovnna-Ánde Vests Árbbolaccat (dt.: Die Erben) (1996–2005). Sie beschreibt den Beginn einer neuen Ära in einem kleinen samischen Dorf am Fluss Tanaelva im Norden Finnlands, ausgehend von der Nachkriegszeit an bis zu den 1970er-Jahren. Die beschriebene Wirklichkeit ist lokal geprägt, aber die Themen des Buches sind global und gehen zum Beispiel auf den Wandel der Gesprächsformen und der gesellschaftlichen Interaktion ein. Vest ist ein Meister des Dialogs, über den er seine Botschaft klar zum Ausdruck bringt. Kirsti Paltto (1947) hat ebenfalls eine Trilogie geschrieben, und zwar die erste, die für den Finlandia-Preis nominiert wurde, im Jahr 1986 (Guhtoset dearvan min bohccot). Auch ihr Buch beschreibt den Anbruch eines neuen Zeitalters in Sápmi. Die deutsche Übersetzung trägt den Titel: Mögen meine Rentiere gesund werden. Gegenüber allen anderen samischen Autoren zeichnet sich Palttos Literatur durch die am meisten „abgerundete“ Konzeption aus, wobei die meisten samischen Autoren mehrere Genres bedienen.

Synnøve Persen, Foto: Susanne Hætta

Zu den produktivsten samischen Dichtern gehören Rauni Magga Lukkari (1943), Synnøve Persen (1950), Rose-Marie Huuva (1943), Inger-Mari Aikio(1961), Niillas Holmberg (1990) und Sigbjørn Skåden (1976). Skåden hat auch einen Roman auf Norwegisch geschrieben, Våke over dem som sover (dt.: Wache über die Schlafenden) (2014). Er handelt von Macht und Ungerechtigkeit auf vielen Ebenen, angefangen in der Vergangenheit bis hin zur Gegenwart. Niillas Holmbergs Gedichtband The Way Back (dt.: Der Weg zurück) (2016) wurde durch sein Studium am Tibetischen Institut der Darstellenden Künste in Nordindien inspiriert. In dieser Sammlung untersucht er die Beziehung zwischen dem buddhistischen Glauben und den traditionellen Vorstellungen der Sámi.

Mari Boine, Foto: Gregor Hohenberg

Musiker wie Mari Boine (1956), Niko Valkeapää (1968) und Sofia Jannok (1982) haben samische Dichtung in ihren Musikproduktionen verwendet. Samischer Hip-Hop, Rap und Slam-Poetry von Künstlern wie Áilu Valle (1985), Amoc (Mikkâl Antti Morottaja, 1984), Timimie Märak (1991) und Ánná Káisá Partapuoli (1995) zeigen neue Möglichkeiten auf, wie samische Dichtung neue Zielgruppen erreichen kann. Diese neuen Formen des Ausdrucks sind mit der samischen Tradition des Jojk und des Geschichtenerzählens im Einklang, die schon immer vom Zuhörer abhängig waren, sodass es sich hierbei um den natürlichen Entwicklungsweg der samischen Literatur handelt.

Der Beitrag über die samische Literatur wurde von Harald Gaski verfasst.

Für mehr Informationen

Möchten Sie mehr über samische Literatur und Kultur erfahren? Dann lesen Sie hier weiter (auf Englisch): https://www.laits.utexas.edu/sami/dieda/history.htm